Der Neue Merker veröffentlichte in seiner Printausgabe im Januar 2014 ein Porträt über Ilia Papandreou, das Sie hier vollständig nachlesen können:

Die Bühne ist für mich ein heiliger Ort“ - Ein Porträt der Sopranistin Ilia Papandreou


von Christoph Suhre


Im Jahre 2005 erhielt Ilia Papandreou am Staatlichen Konservatorium Athen ihr Gesangsdiplom. „Geh nach Deutschland zum Vorsingen!“ Sie folgte diesem Rat. Bald danach sang sie am Erfurter Theater, und zwar Arien aus „La forza del destino“ und „Der Freischütz“ Intendant Guy Montavon hielt es nicht mehr auf seinem Platz, beorderte die junge Frau beim Singen mal dahin und mal dorthin, war begeistert und engagierte sie sofort. Seit 2006 ist Ilia Papandreou am Erfurter Theater engagiert. Die Marschallin und die Leonore („Fidelio“) gehörten zu ihren ersten Rollen. Seither wirkte sie in über 30 (!) Premieren mit – eine Rolle anspruchsvoller als die andere. Allein in der laufenden Spielzeit übernimmt sie drei große Partien: Elisabetta („Don Carlo“), Tatjana („Eugen Onegin“) und Desdemona („Otello“).

Eine ungewöhnliche Karriere!


Mitte November traf sich die junge attraktive, sportlich elegante und äußerst sympathische Sopranistin mit mir in einem bezaubernden Cafe in der Erfurter Altstadt nahe der historischen Krämerbrücke zu einem Gespräch. Sie strahlt eine schöne Natürlichkeit aus, ist für alle Fragen offen und beantwortet sie in einem perfekten Deutsch.

Ilia Papandreou ist Griechin. Geboren wurde sie in London, wo sich ihre Eltern arbeitsbedingt aufhielten. Mit sechs Jahren folgte sie ihren Eltern nach Frankfurt am Main. Dort besuchte sie eine englische Schule. Ihre Familie pflegte Hausmusik und Ilia wollte unbedingt singen. Sie wollte dieser heiligen Kunst dienen. Sie begriff sehr bald die Kraft der Musik. Sie lässt Menschen in schwierigen Situationen den Alltag vergessen, verbindet und hilft. Für andere da zu sein! Wäre sie nicht Sängerin geworden, hätte sie vermutlich den Beruf einer Psychologin ergriffen.

Bereits in ihrer Kindheit wirkte sie in einem Chor mit. Dort gewöhnte sie sich auch an Soloauftritte. Irgendwann bemerkte ihre Lehrerin, dass sie das Material für die Oper habe. Ihre musikalische Ausbildung begann sie am Berklee College of Music in Boston. Bereits nach einem Jahr verließ sie die Staaten („Amerika ist nicht meine Welt, ich bin Europäerin“) und ging zurück nach Frankfurt. Dort traf sie auf Hara Savino. Diese Sängerin war u. a. in Köln engagiert und feierte vor allem als Butterfly und Tosca große Erfolge. Als sie nach Griechenland zurückging, folgte ihr Ilia Papandreou. Sie schwärmt von ihrer Lehrerin, von der sie sich auch heute noch betreuen und beraten lässt.

Freilich ist es ein Wagnis, gleich zu Beginn einer Karriere die Marschallin und die Leonore zu singen. Aber was soll man tun? Sagt man ab, steht man mit leeren Händen da. Aber seither passt sie auf. Und mit jeder neuen Herausforderung wächst die Stimme. Wenn man Ilia Papandreou auf der Bühne erlebt, hat man das Gefühl, dass sie sich mit ihren Figuren, die sie zu interpretieren hat, voll und ganz identifiziert. Als sie die „Nana“ von Manfred Gurlitt einstudierte , musste sie erst einmal Emile Zolas weltberühmten Roman lesen, um noch mehr über die Figuren und die Figurenkonstellationen zu erfahren. Im Moment liest sie Puschkins „Eugen Onegin“. So verfährt sie mit jeder Partie. Sie empfindet es als Glück, an der Erfurter Oper engagiert zu sein. Das Repertoire des Hauses ist sehr breit gefächert. Deshalb ist sie auch nicht auf bestimmte Partien festgelegt. Hier sang sie u. a. Saffi, Rusalka, Agathe, Elettra, Alice („Robert le Diable“), Vitellia, Amelia („Simon Boccanegra“). Guy Montavon holt exzellente Regisseure ans Haus, von denen man vieles lernt und entsprechende Impulse erfährt. Begeistert war sie etwa von Stephen Lawless‘ Inszenierung des „Giulio Cesare“, die sie als Zuschauerin genießen konnte, und dann vor allem von der Zusammenarbeit mit Dominique Horwitz, der in Erfurt einen sehr kontrovers diskutierten „Freischütz“ auf die Bühne brachte, und dessen Arbeitsweise sie nachhaltig geprägt hat. Frau Papandreou ist offen für Neues. Wenn sie das Gefühl hat, dass die Konzeption von A bis Z durchdacht ist, dann vertraut sie dem Regisseur und folgt seinen Anweisungen. In diesem Zusammenhang schwärmt sie von der Arbeit mit Stefano Poda, der unlängst einen packenden „Don Carlo“ in Erfurt inszenierte. Als Elisabetta trägt sie ein Gewand, das acht Kilogramm schwer ist. Für den Sänger ist das eine Last. Frau Papandreou trägt sie mit Würde: „Er hat sich dabei etwas gedacht!“ Stefano Poda fungierte nicht nur als Regisseur, sondern war zugleich für die gesamte Ausstattung verantwortlich. „Ich möchte seinen Traum nicht zerstören!“

Ganz anders gestaltete sich die Arbeit an „Nana“. In dieser Produktion wollte der Regisseur nichts vorgeben, sondern dass sich die Sänger selbst einbringen. Sie bekennt schmunzelnd, dass Nana eine andere Frau als sie selbst sei. Einige Rezensenten bemängelten, dass diese Nana nicht genug vulgär gewesen sei.

Das Erfurter Haus liebt sie aus vielerlei Gründen. Im Ensemble bestehe ein starker Zusammenhalt. Selbst Gastdirigenten begleiten den Produktionsprozess über den gesamten Zeitraum. Sie sind nahezu bei allen Proben dabei. Das ist förderlich. Hinweisen steht sie sehr offen gegenüber. In „Don Carlo“ hat sie viel von Manilo Benzi gelernt. Es war streng, aber für vieles offen. Ihr Klavierauszug sei voll mit Anmerkungen, die sie auch in Zukunft berücksichtigen werde.

Die Bühne ist für mich ein heiliger Ort.“ Dieses Gefühl bekommt sie immer wieder vermittelt, wenn sie auf der Bühne vom Dionysos-Theater unterhalb der Akropolis steht. Dieser Ort erweckt einen ungeheuren Respekt und eine solche Demut in ihr, dass sie durchweg bestrebt ist, diese Aspekte in ihre Arbeit einzubringen. Ihre innere Spannung spürt man. Sie übertragt sich auf den Zuschauer. Bei einer intelligenten Sängerdarstellerin wie Ilia Papandreou lässt sich das Szenische freilich nicht vom Gesanglichen trennen Es kommt nicht nur darauf an, dass man gerne singt, sondern auch wie man singt. Frau Papandreou ist alles andere als eine eitle Operndiva, die allürenhaft ihre stimmlichen Vorzüge preist. Aber sie freut sich, wenn man das, was sie mit ihrer Stimme zum Ausdruck bringen will, auch hört und empfindet. Wie oft verspürt man bei ihren Darbietungen eine regelrechte Gänsehaut! Glücklich ist sie vor allem darüber, wenn man ihr sagt, dass man ihre Stimme, die einen angenehm seidigen Klang hat, von anderen unterscheiden kann. Ihr Sopran besticht durch Klarheit und verfügt über Farben und Facetten. Die Sängerin beherrscht die Kunst des Phrasierens. Sie weiß, was sie singt. Unlängst lobten Kritiker im „Carlo“ ihre lyrische Beseeltheit. Jedoch vermissten sie dramatische Akzente. Ilia Papandreou kann das nicht nachvollziehen. „Man muss doch das singen, was in der Partitur steht! Die Elisabetta ist vor allem lyrisch angelegt.“ Mitunter nimmt sie sich auch kleine Freiheiten. Mit einem „Oh ciel!“ sinkt Elisabetta am Ende der Oper zusammen. Hier hält sie die Anzahl der Takte nicht unbedingt ein. Die Verzweiflung muss hörbar sein. Wer Ilia Papandreou in anderen Partien erlebt hat, weiß sehr wohl um die Qualitäten ihrer dramatischen Ausbrüche. Die sind fundiert und gleichen Leuchtraketen, die in den Opernhimmel aufsteigen. Wichtig ist, dass man immer wieder Mozart singt. Mozart ist Balsam für die Stimme. Man kann nichts verbergen. Mozart zwingt zu einem kristallklaren Singen. Als gute Schule betrachtet sie auch Richard Strauss. Unlängst hat sie „Vier letzte Lieder“ gesungen. Man schult sich in Bezug auf Phrasierungen und Legato. Ja, Strauss. Perspektivisch möchte sie sich noch viel intensiver mit diesem Komponisten beschäftigen. Wagner ist toll. Singt man aber erst einmal Wagner, ist man festgelegt. Interessant sind für die Sängerin auch zeitgenössische Werke. An der Oper Erfurt hatte sie Gelegenheit, an der Uraufführung von „Mariana Pineda“ von Flavio Testi mitzuwirken. Das sei sehr schwer gewesen. Die langen Intervalle verlangen eine gut fokussierte und technisch versierte Stimme.

Wenn man mit einer griechischen Opernsängerin spricht, die mit unglaublicher Leidenschaft ihrem Beruf nachgeht, muss man zwangsläufig auch auf Maria Callas zu sprechen kommen.

„Meisterklasse“ ist ein Schauspiel in zwei Akten von Terrence McNally, das 1995 in New York uraufgeführt wurde. Es wirft einen Blick auf die legendären Meisterkurse der „Primadonna assoluta“ an der New Yorker Julliard School in den Jahren 1971 und 1972. Ilia Papandreou wird im April 2014 die Hauptrolle in diesem Stück übernehmen. Pikant ist, dass eigentlich eine Schauspielerin eine Sängerin spielt. In Erfurt gibt die Sängerin ihr Debüt als Schauspielerin. Frau Papandreou gesteht, dass sie im Vorfeld keine Callas-Biografie lesen wird. Vielmehr gehe es ihr darum, aufzuzeigen, wie sie ihre Arbeit als Sängerin sieht.

Das Sängerdasein ist mit einem enormen Arbeitspensum verbunden, das Entbehrungen einschließt. Wie hält man sich da fit? Frau Papandreou weiß zu schätzen, dass sie in einer kleinen beschaulichen Stadt mit einer Vielzahl historischer Gebäude lebt. Hier gibt es nicht den typischen Großstadtlärm. Hier gibt es Plätze zum Entspannen. Den Sommer genießt sie für einige Wochen bei ihrer Familie in Griechenland. Für diese kurze Zeit gibt sie ihre eiserne Disziplin auf. Genuss ist angesagt.

Apropos Disziplin: Am Abend hat sie noch eine Probe. Sie muss pünktlich sein. „Singen ist mein Leben und Leben ist mein Singen“.

Ich nehme es ihr kommentarlos ab und wünsche ihr von Herzen alles erdenklich Gute für ihre weitere Karriere!

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von „Der Neue Merker“ (01/2014)